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Zwischen einem Lächeln und einer kleinen Träne:
Ein Platz zum Leben
„Toots Thielemans ist
eine Legende“, verspricht der Veranstalter, holt Luft und will
einige der Jazzveteranen nennen, mit denen der Mundharmonikaspieler
schon Musik gemacht hat. „Louis Armstrong, Sarah Vaughan, Charlie
Parker und.... - Viele viele mehr!“
Toots ist jetzt 84 Jahre alt. Im Saale rechnet’s leis. Raunen.
Aaaarmstrong! Ich sehe die angeschlagenen Plattenhüllen vor mir.
Den Strahlemann in Schwarz (Hochglanz mit Schweißtuch). Parker
The Bird. Und hinterm Vorhang also soll ein Weggenosse auf seinen Auftritt
warten?!
Viele in meiner Reihe zählen auch zur Generation derer, die noch
in der Weimarer Republik geboren wurden. Oder in der Sowjetunion, wie
offenbar die beiden Herren neben mir: Hager, spitze Nase, spitzer Blick,
sehr spitze Ohren. Sie sitzen auf den Stuhlkanten, ein Ohr zur Bühne
gewandt. Es hält sie kaum hier in der zweiten Reihe. Draußen
am Kiosk hätte ich sie für Rentner der Wagenbaufabrik am Ort
gehalten, die Kriegserlebnisse austauschen. Sie sprechen Russisch. Nein:
Sie ereifern sich Russisch. Was ich verstehe, ist immer wieder „Getz“.
Stan Getz. Stan mit e gesprochen. Es klingt, als sprächen sie über
einen Kolchosevorsitzenden aus Tomsk, über den sie sich vor fünfzig
Jahren geärgert haben.
Vor mir ein Pärchen im Silberhaar. Nun ja - sie Silberhaar, er
Silberhaarausfall. Der Veranstalter erzählt, dass Toots mit seinem
Spiel einen ganzen Saal zum Weinen gebracht haben soll. In Tokio. Die
Dame sieht irgendwie so aus, als könne ihr das auch hier in Wiehl
passieren. Und es wird passieren.
Von Toots noch nichts zu sehen. „Backstage“ steht an der
Tür der alten Aula. Kein Zutritt. Meine Kamera musste ich auch
schon draußen lassen. Aber ich bin ja schließlich wegen
der Ohren hier.
Viele kamen von weit, nicht alle aus Tomsk, aber kaum einer erkennt
den Bürgermeister, der sich doch sehr müht, die Veranstalter
zu loben. Es ist nicht klar, ob er Muha-Musik mag, ob er Jazz liebt.
Vielleicht noch nicht?
Kenner, passionierte Pfeifenraucher und Bierglashalter sind auch da.
Grau auch hier der vorherrschende Ton, die Körperformen eher gesetzt,
im Schnitt. Jazzpeople für und für. Die bekannten Pressegesichter
huschen backstage und kehren nach kurzem wieder zurück. Es geht
jetzt los.
Der Veranstalter lobt noch rasch den fulminanten Humor des Meisters.
Ihm selbst sieht man die Verantwortung und Aufregung an, die so ein
Festival mit sich bringt. Musik machen und Geld dafür zu bekommen
ist offensichtlich schöner, als sie zu organisieren und am Ende
nicht zu wissen, ob das Geld reicht.
Dann betritt Toots die Bühne. Schwarzweiße Grafik: Weiß
das Haar, das sich im Nacken noch keck kräuselt, schwarzes Hemd,
schwarz sind Weste und Hose und Schuhe. Schwarz auch die angeborene
Hornbrille mit ziemlich breiten Bügeln. Man weiß, was man
sich schuldig ist.
Er kommt nicht ohne seine Musikerkollegen. Der dünne Pianist stützt
ihn, deutet ihm den Weg an zwischen Kabeln und Verstärkern hindurch
bis zu einem Dreibeinhocker, den er während des Spiels nicht verlässt.
Man will zur Tat schreiten, doch ohne Dank an das tosende Publikum geht
der Grandseigneur nicht an die Arbeit. Er wirft Kusshändchen, faltet
die Hände, verbeugt sich und strahlt. Ein Mensch in seinem Element.
Mit Menschen, die zu ihm passen: Karel Boehlee heißt der Pianist
und Keyboarder, der Toots wie seinen geliebten Vater ins Wohnzimmer
begleitet. Etwas strenger geht er mit seinen Instrumenten um, dem Flügel
und dem elektronischen Klangerzeuger, den er darauf abgestellt hat,
um ein paar Farben mehr ins Spiel zu bringen.
Bart De Nolf zupft und streicht den Kontrabass mit einer Wendigkeit
und Gelassenheit, dass man ihn manchmal fast vergisst. Aber was wäre
das Kleeblatt ohne ihn? Kein Glücksbringer jedenfalls.
„Bruno Castellucci: drums“ wird nicht nicht passieren, dass
man ihn übersieht. Der kahle Kantschädel und die massive Körpermitte
mit einem immer swingenden Schwerpunkt sind gelebter Rhythmus. Hörte
man nichts von ihm, man würde dennoch wissen, wie der Puls dieser
Musik schlägt. Und wenn er mit den Besen die Felle streichelt,
rieselt Sternenstaub vom Bühnenhimmel. Oder kommt der von Toots
hingehauchter Liebeserklärung an den Shadow Of Your Smile?
Wenn er spielt, verfällt er seinem Instrument. Wörtlich. Sein
Kopf sackt auf die silbrige Hohner, der Mund wird wulstig und fleischig
und umschließt größe Teile der Harmonika.
Er eröffnet das Konzert mit Tönen, die einem Altsax entströmen
könnten. „Man Bites Harmonica“ heißt einer seiner
Scheiben. Wie auf den Hocker gebannt, bewegt sich das chromatische Instrument
in der Hand des Virtuosen kaum, der Kopf des Spielers arbeitet nur kaum
merklich, außer bei den Glissandi und Tremolos. Was sich heftig
bewegt, ist sein rechtes Bein, mit dem er die Töne beschleunigt,
mit dem er den Songs seinen Kick gibt, dass die Stimmungen bis in die
hintersten Reihen fliegen.
Und wenn er mit uns zu sentimentalen Reisen aufbricht, wird der alte
Mann ganz klein und kriecht in den winzigen Klangkörper hinein,
wird selbst zum klingenden Körper und führt durch das musikalische
Mood-Museum. Sie wissen, wo das liegt: East Of The Sun And West Of The
Moon. Beim Gershwin-Medley ist es dann so weit. Tokio im Oberbergischen:
Die Dame vor mir hat vorsorglich reichlich Tempos im Täschchen,
tupft und tupft, wirft ihrem Partner einen verhangenen Blick zu und
lehnt sich ein ganz klein wenig bei ihm an. Moonglow.
Bei den knackigeren Stücken wird immer wieder die große Spielfreude
des Quartetts sichtbar. Toots ist hier der Spielmacher, wirft Bälle
zu und Küsschen, wenn’s wieder mal geklappt hat, wischt das
Schlagzeug weg mit forscher Geste, um dem Pianisten Gehör zu verschaffen
- er weiß, dass es sich lohnt, ihm genauer zu lauschen. Ein Gespräch
nennt er das. Kommunikation über Harmonien. Und es tut gut, den
Herren beim freundlichen Plaudern zuzuhören. Toots vergleicht es
mit dem Gespräch bei Tisch unter Freunden. (Mit dem freundlichen
Drummer spielt er seit 34 Jahren.)
Die sibirischen Herren neben mir haben die Percussion zu ihrem Thema
gemacht. Sie imitieren die Handhaltung des Schlagzeugers, vergleichen
sie mit anderen, die ich vielleicht erkennen könnte, wenn ich die
Drummergrößen der Jazzwelt besser kennte. Aber um solche
Feinheiten genießen zu können, muss man wohl viele lange,
kalte sibirische Nächte Musik studiert haben. Stan Getz wird nicht
mehr erwähnt.
Toots erzählt von seiner Zeit in Amerika - what a wonderful world,
die er da u.a. mit Armstrong erlebt und erfüllt hat. Er war Studiomusiker,
abrufbereit, um einen Werbespot einzupfeifen oder auf der Harmonika
zu spielen - für Chrysler oder Old Spice. Er pfeift es nach und
bläst seinen PR-Akkord, lacht über die Zeiten: 37 Dollar gab’s
damals dafür. Er holt mit ein paar Tönen Kinogrößen
auf unsere innere Leinwand und lässt den Midnight Cowboy reiten.
Und auch auf der Sesamstraße hat er gespielt.
Als der Abend endet, gibt es standing ovations für den Meister.
Er genießt es sichtlich. Und beim Abgang muss er kaum noch gestützt
werden. Er, der einen Schlaganfall hinter sich hat, schwebt uns davon.
Eine leichter Schleier aus Sternenstaub rieselt hinter ihm zu Boden.
Wo gibt es so viel Liebe zum Leben und zur Musik?
Ich kenne da eine Adresse: East Of The Sun And West Of The Moon.
© Michael Möller, Mai 2006
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