www.literapur.de
lesen, schreiben, hören

Home

Prosa

Hörbar

Lyrik

Buchfink- das einzige Bild hier. Er empfiehlt gute Lektüre!
Gemeiner Buchfink
Rezensionen

Wettbewerbe

Online-Lesung

Blogs

Podcast

Newsletter - Abo!

Literapur-Wiki

Die Autoren 

Impressum

Gästebuch

 

Webmaster
Hanno Erdwein
Simon Croll

Links

In Partnerschaft mit Amazon.de 

Zwischen einem Lächeln und einer kleinen Träne: Ein Platz zum Leben

Toots Thielemans ist eine Legende“, verspricht der Veranstalter, holt Luft und will einige der Jazzveteranen nennen, mit denen der Mundharmonikaspieler schon Musik gemacht hat. „Louis Armstrong, Sarah Vaughan, Charlie Parker und.... - Viele viele mehr!“
Toots ist jetzt 84 Jahre alt. Im Saale rechnet’s leis. Raunen. Aaaarmstrong! Ich sehe die angeschlagenen Plattenhüllen vor mir. Den Strahlemann in Schwarz (Hochglanz mit Schweißtuch). Parker The Bird. Und hinterm Vorhang also soll ein Weggenosse auf seinen Auftritt warten?!
Viele in meiner Reihe zählen auch zur Generation derer, die noch in der Weimarer Republik geboren wurden. Oder in der Sowjetunion, wie offenbar die beiden Herren neben mir: Hager, spitze Nase, spitzer Blick, sehr spitze Ohren. Sie sitzen auf den Stuhlkanten, ein Ohr zur Bühne gewandt. Es hält sie kaum hier in der zweiten Reihe. Draußen am Kiosk hätte ich sie für Rentner der Wagenbaufabrik am Ort gehalten, die Kriegserlebnisse austauschen. Sie sprechen Russisch. Nein: Sie ereifern sich Russisch. Was ich verstehe, ist immer wieder „Getz“. Stan Getz. Stan mit e gesprochen. Es klingt, als sprächen sie über einen Kolchosevorsitzenden aus Tomsk, über den sie sich vor fünfzig Jahren geärgert haben.
Vor mir ein Pärchen im Silberhaar. Nun ja - sie Silberhaar, er Silberhaarausfall. Der Veranstalter erzählt, dass Toots mit seinem Spiel einen ganzen Saal zum Weinen gebracht haben soll. In Tokio. Die Dame sieht irgendwie so aus, als könne ihr das auch hier in Wiehl passieren. Und es wird passieren.


Von Toots noch nichts zu sehen. „Backstage“ steht an der Tür der alten Aula. Kein Zutritt. Meine Kamera musste ich auch schon draußen lassen. Aber ich bin ja schließlich wegen der Ohren hier.
Viele kamen von weit, nicht alle aus Tomsk, aber kaum einer erkennt den Bürgermeister, der sich doch sehr müht, die Veranstalter zu loben. Es ist nicht klar, ob er Muha-Musik mag, ob er Jazz liebt. Vielleicht noch nicht?
Kenner, passionierte Pfeifenraucher und Bierglashalter sind auch da. Grau auch hier der vorherrschende Ton, die Körperformen eher gesetzt, im Schnitt. Jazzpeople für und für. Die bekannten Pressegesichter huschen backstage und kehren nach kurzem wieder zurück. Es geht jetzt los.
Der Veranstalter lobt noch rasch den fulminanten Humor des Meisters. Ihm selbst sieht man die Verantwortung und Aufregung an, die so ein Festival mit sich bringt. Musik machen und Geld dafür zu bekommen ist offensichtlich schöner, als sie zu organisieren und am Ende nicht zu wissen, ob das Geld reicht.


Dann betritt Toots die Bühne. Schwarzweiße Grafik: Weiß das Haar, das sich im Nacken noch keck kräuselt, schwarzes Hemd, schwarz sind Weste und Hose und Schuhe. Schwarz auch die angeborene Hornbrille mit ziemlich breiten Bügeln. Man weiß, was man sich schuldig ist.
Er kommt nicht ohne seine Musikerkollegen. Der dünne Pianist stützt ihn, deutet ihm den Weg an zwischen Kabeln und Verstärkern hindurch bis zu einem Dreibeinhocker, den er während des Spiels nicht verlässt.
Man will zur Tat schreiten, doch ohne Dank an das tosende Publikum geht der Grandseigneur nicht an die Arbeit. Er wirft Kusshändchen, faltet die Hände, verbeugt sich und strahlt. Ein Mensch in seinem Element.
Mit Menschen, die zu ihm passen: Karel Boehlee heißt der Pianist und Keyboarder, der Toots wie seinen geliebten Vater ins Wohnzimmer begleitet. Etwas strenger geht er mit seinen Instrumenten um, dem Flügel und dem elektronischen Klangerzeuger, den er darauf abgestellt hat, um ein paar Farben mehr ins Spiel zu bringen.
Bart De Nolf zupft und streicht den Kontrabass mit einer Wendigkeit und Gelassenheit, dass man ihn manchmal fast vergisst. Aber was wäre das Kleeblatt ohne ihn? Kein Glücksbringer jedenfalls.


„Bruno Castellucci: drums“ wird nicht nicht passieren, dass man ihn übersieht. Der kahle Kantschädel und die massive Körpermitte mit einem immer swingenden Schwerpunkt sind gelebter Rhythmus. Hörte man nichts von ihm, man würde dennoch wissen, wie der Puls dieser Musik schlägt. Und wenn er mit den Besen die Felle streichelt, rieselt Sternenstaub vom Bühnenhimmel. Oder kommt der von Toots hingehauchter Liebeserklärung an den Shadow Of Your Smile?
Wenn er spielt, verfällt er seinem Instrument. Wörtlich. Sein Kopf sackt auf die silbrige Hohner, der Mund wird wulstig und fleischig und umschließt größe Teile der Harmonika.


Er eröffnet das Konzert mit Tönen, die einem Altsax entströmen könnten. „Man Bites Harmonica“ heißt einer seiner Scheiben. Wie auf den Hocker gebannt, bewegt sich das chromatische Instrument in der Hand des Virtuosen kaum, der Kopf des Spielers arbeitet nur kaum merklich, außer bei den Glissandi und Tremolos. Was sich heftig bewegt, ist sein rechtes Bein, mit dem er die Töne beschleunigt, mit dem er den Songs seinen Kick gibt, dass die Stimmungen bis in die hintersten Reihen fliegen.
Und wenn er mit uns zu sentimentalen Reisen aufbricht, wird der alte Mann ganz klein und kriecht in den winzigen Klangkörper hinein, wird selbst zum klingenden Körper und führt durch das musikalische Mood-Museum. Sie wissen, wo das liegt: East Of The Sun And West Of The Moon. Beim Gershwin-Medley ist es dann so weit. Tokio im Oberbergischen: Die Dame vor mir hat vorsorglich reichlich Tempos im Täschchen, tupft und tupft, wirft ihrem Partner einen verhangenen Blick zu und lehnt sich ein ganz klein wenig bei ihm an. Moonglow.


Bei den knackigeren Stücken wird immer wieder die große Spielfreude des Quartetts sichtbar. Toots ist hier der Spielmacher, wirft Bälle zu und Küsschen, wenn’s wieder mal geklappt hat, wischt das Schlagzeug weg mit forscher Geste, um dem Pianisten Gehör zu verschaffen - er weiß, dass es sich lohnt, ihm genauer zu lauschen. Ein Gespräch nennt er das. Kommunikation über Harmonien. Und es tut gut, den Herren beim freundlichen Plaudern zuzuhören. Toots vergleicht es mit dem Gespräch bei Tisch unter Freunden. (Mit dem freundlichen Drummer spielt er seit 34 Jahren.)
Die sibirischen Herren neben mir haben die Percussion zu ihrem Thema gemacht. Sie imitieren die Handhaltung des Schlagzeugers, vergleichen sie mit anderen, die ich vielleicht erkennen könnte, wenn ich die Drummergrößen der Jazzwelt besser kennte. Aber um solche Feinheiten genießen zu können, muss man wohl viele lange, kalte sibirische Nächte Musik studiert haben. Stan Getz wird nicht mehr erwähnt.


Toots erzählt von seiner Zeit in Amerika - what a wonderful world, die er da u.a. mit Armstrong erlebt und erfüllt hat. Er war Studiomusiker, abrufbereit, um einen Werbespot einzupfeifen oder auf der Harmonika zu spielen - für Chrysler oder Old Spice. Er pfeift es nach und bläst seinen PR-Akkord, lacht über die Zeiten: 37 Dollar gab’s damals dafür. Er holt mit ein paar Tönen Kinogrößen auf unsere innere Leinwand und lässt den Midnight Cowboy reiten. Und auch auf der Sesamstraße hat er gespielt.
Als der Abend endet, gibt es standing ovations für den Meister. Er genießt es sichtlich. Und beim Abgang muss er kaum noch gestützt werden. Er, der einen Schlaganfall hinter sich hat, schwebt uns davon. Eine leichter Schleier aus Sternenstaub rieselt hinter ihm zu Boden.


Wo gibt es so viel Liebe zum Leben und zur Musik?
Ich kenne da eine Adresse: East Of The Sun And West Of The Moon.

© Michael Möller, Mai 2006

 



Site Meter